Markt&Technik Artikel: Sigfox verkauft und expandiert

Markt&Technik Interview mit Franck Siegel, COO von Sigfox, Screenshot
Erschienen ist der Artikel in der Markt&Technik Ausgabe 48 am 27. 11. 2020.

Im Interview mit Markt&Technik erklärt Franck Siegel, COO von Sigfox, warum die französische Mutter Sigfox Deutschland verkauft hat, welche Rolle die Sigfox-Netzbetreiber spielen und mit welcher Strategie Sigfox weltweit weiter wachsen will.

Markt&Technik: In Deutschland hat Sigfox inzwischen eine gute Abdeckung erzielt, der Umsatz stieg. Warum jetzt der Verkauf?
Franck Siegel: Wir tun damit nichts weiter, als unsere Unternehmensstrategie umzusetzen. Unser Ziel besteht nicht darin, die Netze in den verschiedenen Ländern selber zu betreiben, sondern wir wollen unsere Plattform ausbauen. Die Netze zu betreiben, die Basisstationen aufzubauen und für die Konnektivität zu sorgen, auf deren Basis die 0G-IoT-Dienste laufen, überlassen wir den Firmen, die sich darauf spezialisiert haben. Denn die können das besser als wir. Das ist jetzt in 68 von den 72 Ländern der Fall, in denen wir heute aktiv sind: die 0G-Netze dort gehören den Sigfox-Operators, und sie managen die Netze.

Warum gibt es dann nicht gerade unbedeutende Länder, in denen Sigfox das Netz selber betreibt?
Zu Anfang, als wir Sigfox aufgebaut haben, mussten wir zuerst einmal zeigen, dass die Sigfox-Netze funktionieren, und deshalb haben wir in der frühen Aufbauphase in einigen Ländern selber die Netze etabliert und betrieben. Zu diesen Ländern gehören Frankeich, Spanien, Portugal, die USA – und bis vor Kurzem gehörte Deutschland ebenfalls dazu. Weil Sigfox in Deutschland jetzt gut bekannt ist, weil wir gezeigt haben, dass alles durchgängig funktioniert, besteht kein Bedarf mehr, diesbezüglich Aufklärungsarbeit zu leisten. Nun war die Zeit gekommen, den Netzbetrieb guten Gewissens an ein Unternehmen zu übergeben, das nachweislich damit vertraut ist und sich mit nichts anderem beschäftigt: Heliot.

Was genau hat sich denn über die Zeit geändert?
Vor zehn Jahren war Sigfox in der IoT-Welt ein Newcomer. IoT selbst war ja auch noch relativ neu und es gab mehrere Unternehmen, die überzeugt waren, dass die LPWAN-Technik sich eignet, um darauf viele unterschiedliche Dienste aufbauen zu können. Wie sich der Wettbewerb entwickeln würde, lag noch etwas im Nebel. 2017 hatte sich der Nebel gelichtet und Heliot stieg in das Sigfox-Operator-Business ein. Denn Sigfox hatte inzwischen eine globale Präsenz aufgebaut. In allen Ländern gibt es Wettbewerb, aber Sigfox hat ein überzeugendes Argument: ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Was zeichnet Heliot aus?
Heliot betreibt schon die Sigfox-Netze in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein und ist Experte im Netzwerk-Management. Das Unternehmen wird die Infrastruktur und die Netze in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein schneller ausbauen, als wir das könnten.

Wozu aber erst einmal Geld investiert werden muss.
Hier kommt Cube Infrastructure Managers ins Spiel, die wiederum Heliot Europe übernommen hat. Damit stehen genügend finanzielle Mittel im Hintergrund bereit. Die Firma Cube ist in Europa nicht gerade unbekannt; die Europäische Investitionsbank arbeitet mit Cube schon lange bei den Investitionen für den Aufbau von Infrastrukturen in Europa zusammen – was an sich schon sehr viel aussagt. In Deutschland ist Cube in engem Kontakt zur KfW. Doch Geld alleine ist nicht der treibende und entscheidende Faktor. Die Gesamtstrategie von Cube ist überzeugend: Es kommt dem Unternehmen darauf an, langfristig und nachhaltig in Infrastruktur zu investieren. Der schnelle Return on Investment interessiert Cube weniger.

Woher kommt die edle Gesinnung?
Cube Infrastructure Managers ist ein Infrastruktur-Fond, der Geld verdienen will – aber eben langfristig. Dass dies gut funktioniert, hat Cube gezeigt: Vor 25 Jahren stieg Cube in den Aufbau des Glasfasernetzwerks in Europa ein. Das war visionär: Cube war überzeugt, dass die Glasfaser die Grundlage bildet, die die unterschiedlichsten Branchen benötigen, um ihre Geschäfte und Technologien realisieren zu können. Das einzurichten hat eine Zeit lang gedauert, aber jetzt kann Cube die Früchte dieses langfristigen Engagements ernten. Das Schöne für uns: Cube sieht analog dazu Sigfox als das Fundament für die IoT-Infrastruktur an, deren Aufbau sich langfristig lohnt.

Wie gestaltet sich das Verhältnis zu Techniken wie LoRa und NB-IoT aus, mit denen Sigfox im Wettbewerb steht?
Sigfox hatte von Anfang an die Vision, dass die LPWAN-Technik ihren vollen Wert nur dann ausspielen kann, wenn es gelingt, ein globales Netz aufzubauen. Nur dann sind Tracking Services nach unserem Verständnis wirklich sinnvoll.

Soweit wir sehen, verfolgt LoRa einen ganz anderen Ansatz: Hier geht es darum, lokale Netze aufzubauen, um IoT-Dienste für große Lager, für große Gebäude und auf den Geländen von Unternehmen bereit zu stellen. Smart Metering ist ein gutes Beispiel dafür. Der Markt lokaler Netze ist aber genau der, auf den wir nicht abzielen. Wir kommen uns mit den Firmen, die Netze auf Basis von LoRa aufbauen, also kaum ins Gehege.

Bei NB-IoT sieht es da aber anders aus?
Das bleibt abzuwarten. Zunächst einmal: Bei der zellulären Technik bestimmt das Netzwerk, wie sich die Geräte im Netz verhalten müssen. Es ist deshalb viel Interaktion erforderlich. Das kostet Leistung und trägt nicht gerade zu einer langen Lebenszeit der Batterien bei, außerdem öffnet sich hier ein Einfallstor für Hacker. Es gib bereits viele Firmen, die ihr Geschäftsmodell darin sehen, diese Einfallstore zu schützen – was zusätzliche Kosten für die Anwender mit sich bringen wird. Wir dagegen sind nicht vom Netzwerk bestimmt – das ist ein ganz anderer Ansatz! Nebenbei bemerkt sehen wir derzeit nicht viel von NB-IoT. In Deutschland tut sich etwas, in anderen europäischen Ländern eher weniger. China konzentriert sich auf den Ausbau von 5G. Ob NB-IoT dort eine Rolle spielen wird, ist nach unserer Einschätzung ungewiss.

Wie sehen die Aktivitäten von Sigfox in China derzeit aus und wie entwickelt sich das Geschäft dort?
Unsere Expansionskurs in China wurde aufgrund der Covid-19-Krise unterbrochen. Aber wir streben weiterhin an, dieses Land in naher Zukunft abzudecken. Generell haben wir bereits enge Beziehungen, arbeiten mit dem chinesischen IoT-Ökosystem zusammen und stehen im engen Kontakt mit lokalen Partnern sowie Lösungs- und Geräteherstellern.

Zurück zum Verkauf von Sigfox Deutschland: Welchen Aufgaben wird sich Sigfox – vom Netzbetrieb in Deutschland befreit – nun widmen?
Unsere Aufgabe ist es, uns um den Aufbau unserer Cloud-Plattform zu kümmern, die sich in Paris befindet. Hier entnehmen wir aus den Payloads in den Datenpaketen, die über die verschiedenen Sigfox-Netze weltweit versendet werden, die jeweils relevanten Informationen für unsere Kunden und leiten sie aufbereitet an sie weiter. Die Plattform zu betreuen und deren Services weiter auszubauen ist der Kern unseres Geschäfts; wer die Basisstationen betreibt, ist dafür weniger relevant.

Können Sie ein Beispiel geben?
Wir arbeiten beispielsweise global mit DHL zusammen. Allein in Deutschland werden die Pakete mithilfe von hunderttausenden Trollies verschickt, und die Trollies sind mit einem Sigfox-Tracker ausgestattet, der Signale an das Sigfox-Netzwerk sendet. Daraus ermitteln wir die Standorte der Trollies und leiten diese Informationen an DHL weiter. Das funktioniert kostengünstig und für den Kunden sehr einfach. Vor allem verbrauchen die Tracker wenig Energie: Eine Batterie hält acht Jahre. Unabhängig davon, ob DHL mit einem Trolly international oder von München nach Berlin unterwegs ist, das Unternehmen weiß dank Sigfox immer, wo sich die Assets befinden, und zwar kosteneffektiv, einfach und batterieschonend – das ist unsere Differenzierung.

Sigfox ist in 72 Ländern weltweit vertreten. Wo gibt es weltweit gesehen noch Handlungsbedarf?
Es gibt tatsächlich noch einiges zu tun. In Russland beispielsweise müssen wir unsere Präsenz verstärken und haben dort bereits damit begonnen. Denn hier gibt es viele interessante potenzielle Anwendungsfälle rund um die Bergbau-, Gas- und Ölindustrie. Auch Indien bauen wir mit Priorität aus.

Außerdem werden wir dafür sorgen, dass Sigfox über Satelliten auch in abgelegene, mit Basisstationen gar nicht oder nur schwer zu versorgende Gebiete weltweit vordringen kann. Deshalb kooperieren wir mit Eutelsat in Toulouse. Das dürfte besonders für die Öl-, die Fracking-Industrie und die maritime Industrie interessant werden. Aber auch Vieh in Australien zu verfolgen wäre eine neue Möglichkeit – es gibt unzählige solcher Anwendungsfälle, die wir über Satelliten erschließen können.

Was tut sich an der technischen Front?
Wir verbessern die Präzision der Lokalisation weiter. In der Basisversion bestimmen wir den Standort der Assets auf 1 km genau, was in sehr vielen Anwendungsfällen ausreicht. In Partnerschaft mit Here Technologies und dem Service Atlas WiFi nutzen wir existierende Funknetze, um Assets im Bereich von 10 bis 100 m lokalisieren zu können – und zwar schneller und energieeffizienter als über GPS.

Außerdem hat Sigfox mit „Sigfox-Bubbles“ eigene Beacons entwickelt, um Gegenstände mit einer Genauigkeit von 1 bis 10 m bestimmen zu können. Die Sigfox-Bubbles lassen sich sehr einfach installieren. Sobald dann ein Gegenstand mit Sigfox-Tag in den Sendebereich einer Sigfox-Bubble gelangt, wird sein Standort übermittelt. Damit können etwa Frequent Traveller am Flughafen das Gepäck abgeben, am Zielflughafen erkennen wir dank der Bubble-Technologie die Geodaten des Koffers mit integriertem Tracker und so erfährt der Reisende auf seinem Handy, wo er sein Gepäck wieder abholen kann.

Hat sich die Corona-Pandemie bisher eher beschleunigend oder eher als hemmend für Sigfox erwiesen?
Beides. Erstens ist vielen plötzlich aufgefallen, dass sie hinsichtlich der Digitalisierung hinterherhinken, und sie haben gemerkt, wie gut es gewesen wäre, wenn sie die Möglichkeiten, die in der Geolocation stecken, schon vorher genutzt und in ihrem Unternehmen eingeführt hätten. Wir stellen auf jeden Fall ein erhöhtes Interesse fest, es gehen verstärkt Anfragen ein.

Was waren die negativen Auswirkungen?
Leider hat Corona dazu geführt, dass die Unternehmen viele Vorhaben, die schon angelaufen waren, erste einmal gebremst haben. Viele Produktionen von Automobilherstellern standen still.

Wurden bestehende Verträge gekündigt?
Kein einziger Kunde hat die Services gekündigt, das ist sehr interessant zu sehen. Leider aber wird sich vieles verzögern. Aber die angelaufenen Projekte werden weitergeführt, gerade auch in der Automobilindustrie.

Die Automobilhersteller haben kein Vorhaben auf Eis gelegt?
Die Automobilproduktion ist ein wichtiger Zielmarkt für Sigfox. In Frankreich besteht bereits ein Vertrag mit PSA. Die Automobilhersteller in Deutschland haben ihre Vorhaben keineswegs auf Eis gelegt. Wir sind weiterhin mit drei Automobilherstellern in Deutschland in Gespräch, die demnächst in konkrete Projekte münden werden.

Tun sich weitere neue Märkte auf?
Da wären zum Beispiel Schulen zu nennen, die jetzt CO2-Sensoren einsetzen wollen, um die Luftqualität zu überwachen. In Krankenhäusern sollen die mobilen Geräte verfolgt werden, um immer zu wissen, wo sich die kostspieligen Maschinen befinden. Notrufknöpfe in Krankenhäusern sind ein weiteres Beispiel.

Mittelfristig stehen die Zeichen also weiter auf Wachstum?
Wie wir den Anfragen entnehmen können, die jetzt vermehrt eingegangen sind, werden sich viele weitere Märkte entwickeln. Außerdem kommt noch ein wichtiger Aspekt hinzu: Mithilfe der Tracking Services etwa lassen sich nicht nur Transportkosten senken, sondern der Transport lässt sich viel effizienter gestalten als bisher. Das trägt zur Senkung von CO2-Emissionen bei und schont Ressourcen. Was für die Transport Services gilt, trifft auch auf die weiteren Service-Leistungen auf Basis von Sigfox zu: Die Ressourcen werden geschont, grundsätzlich nutzt das der Umwelt. Das ist wiederum ein wichtiges Argument für Investoren wie Cube, die ihr Geld nur in solche Infrastrukturprojekte stecken wollen, die langfristig nachhaltig und damit sinnvoll sind.

Das Interview führte Heinz Arnold, Markt&Technik Ausgabe 48 vom 27. 11. 2020.

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